Organalter per Bluttest: Was die neue Studie zeigt

Organalter per Bluttest: Was die neue Studie zeigt

Zwei Menschen können beide 50 Jahre alt sein und sich trotzdem sehr unterschiedlich fühlen. Der eine ist fit und belastbar. Der andere hat bereits mehrere gesundheitliche Probleme. Das Geburtsdatum erzählt eben nur einen Teil der Geschichte.

Forschende möchten deshalb das biologische Alter einzelner Organe besser verstehen. Eine neue Studie in Nature Medicine zeigt: Herz, Lunge, Niere, Gehirn und andere Organe scheinen nicht alle im gleichen Tempo zu altern. Ein Rechenmodell konnte Hinweise auf solche Unterschiede später sogar aus Blutdaten ableiten.

Das klingt nach einem fertigen Organalter-Bluttest. So weit ist die Forschung aber noch nicht. Der Ansatz ist ein Forschungsmodell und derzeit kein Test für die normale Arztpraxis.

Was bedeutet biologisches Organalter?

Das Kalenderalter zählt die Jahre seit der Geburt. Das biologische Alter soll dagegen beschreiben, wie stark sich der Körper bereits verändert hat. Dabei gibt es vermutlich nicht nur eine einzige innere Uhr.

Ein Organ kann im Vergleich zu anderen Organen stärkere Alterungsspuren zeigen. Das heißt nicht, dass es tatsächlich mehrere Jahre vorausgeeilt ist. Es bedeutet nur, dass seine Struktur eher dem durchschnittlichen Muster älterer Gewebeproben ähnelt.

Solche Schätzungen hängen immer von den Vergleichsdaten und vom verwendeten Rechenmodell ab. Sie sind keine direkte Messung wie Körpertemperatur oder Blutzucker.

So untersuchten Forschende das Organalter

Das internationale Team nutzte Daten des amerikanischen GTEx-Projekts. Dazu gehörten 25.712 digitale Bilder von Gewebeschnitten. Sie stammten aus 40 Gewebearten und von 983 verstorbenen Menschen zwischen 20 und 70 Jahren.

Mit zunehmendem Alter verändert sich der feine Aufbau von Gewebe. Kleine Blutgefäße können seltener werden. Bindegewebe und Vernarbungen können zunehmen. Manche Zellschichten erneuern sich langsamer. Viele dieser Veränderungen sind so fein, dass man sie nicht einfach in eine Alterszahl übersetzen kann.

Deshalb nutzte das Team künstliche Intelligenz. Das Rechenmodell suchte in Millionen kleiner Bildausschnitte nach wiederkehrenden Mustern. Daraus entstanden sogenannte Gewebeuhren. Sie schätzten das Alter eines Gewebes im Durchschnitt mit einer Abweichung von etwa 4,9 Jahren.

Im Alltag bedeutet das: Die Bilder enthalten offenbar messbare Alterungssignale. Eine Abweichung von einigen Jahren ist aber keine genaue persönliche Diagnose.

Nicht jedes Organ folgt demselben Zeitplan

Die untersuchten Gewebe zeigten unterschiedliche Verläufe. Bei Lunge, Niere, Bauchspeicheldrüse und Nebenniere fanden die Forschenden bereits zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr Phasen stärkerer Veränderung. Andere Gewebe veränderten sich später oder in mehreren Schüben.

Auch Erkrankungen gingen mit bestimmten Mustern einher. Typ-2-Diabetes zeigte zum Beispiel einen deutlichen Zusammenhang mit einem höheren geschätzten Alter der Bauchspeicheldrüse. Chronische Atemwegserkrankungen spiegelten sich besonders in der Lunge.

Das beweist jedoch keine Ursache. Eine Erkrankung könnte ein Gewebe verändern. Ein bereits stärker verändertes Organ könnte aber auch anfälliger sein. Ebenso könnten andere gemeinsame Faktoren dahinterstehen.

Wie könnte ein Organalter-Bluttest funktionieren?

Hier ist ein wichtiger Punkt: Die Gewebe- und Blutproben für das erste Modell stammten von denselben verstorbenen Spendern. Beim GTEx-Projekt wurden sie während einer schnellen Obduktion möglichst bald nach dem Tod gesammelt. So lagen von einer Person sowohl Bilder verschiedener Organe als auch eine Blutprobe vor.

Im Blut bestimmten die Forschenden vorhandene RNA-Muster. RNA besteht aus kurzlebigen Abschriften unserer Gene. An ihrer Menge lässt sich erkennen, welche Gene rund um den Todeszeitpunkt stärker oder schwächer genutzt wurden. Damit ist nicht gemeint, dass die Gene eines lange verstorbenen Menschen noch normal weiterarbeiteten.

Das Modell verglich diese RNA-Muster mit den Altersmustern in den Organbildern derselben Spender. So lernte es zum Beispiel, welche Blutmuster zu einem älter wirkenden Herz oder einer älter wirkenden Bauchspeicheldrüse passten.

Proben nach dem Tod haben jedoch eine Schwäche. Blut und Gewebe verändern sich nach dem Tod weiter. Die Forschenden berücksichtigten die Zeit bis zur Obduktion in ihren Berechnungen. Sie können einen Einfluss dieser Veränderungen trotzdem nicht vollständig ausschließen.

Danach wendete das Team das fertige Modell auf 1.205 weitere Blutproben an. Diese Proben stammten aus unabhängigen Gruppen mit gesunden und erkrankten Menschen. Zu ihnen gab es aber keine passenden Organproben. Deshalb konnte dort nicht direkt geprüft werden, ob das aus dem Blut berechnete Organalter wirklich mit dem jeweiligen Organ übereinstimmte.

Das Modell fand trotzdem bestimmte Zusammenhänge. Bei Alzheimer war das stärkste berechnete Signal dem Gehirn zugeordnet. Bei Morbus Crohn zeigten sich Signale in mehreren Bereichen des Verdauungstrakts. Das sind Zusammenhänge auf Gruppenebene und noch keine persönliche Messung des Organalters.

Das ist wissenschaftlich spannend. Es zeigt aber vor allem Zusammenhänge mit bereits bestehenden Erkrankungen. Ob ein auffälliges Signal bei einem heute gesunden Menschen eine spätere Erkrankung vorhersagt, ist noch unbekannt.

Was die Studie noch nicht beweist

Die wichtigsten Daten stammten aus einmalig entnommenen Proben verstorbener Menschen. Die Studie zeigt deshalb nur eine Momentaufnahme. Sie kann nicht zeigen, wie sich das Organalter einer Person über viele Jahre entwickelt. Zudem waren Männer in der Gruppe etwa doppelt so häufig vertreten wie Frauen.

Auch die Zeit zwischen Tod und Obduktion sowie die Verarbeitung und das Einscannen der Gewebe können Ergebnisse beeinflussen. In den späteren Blutgruppen fehlte außerdem die direkte Kontrolle am jeweiligen Organ. Deshalb ist noch offen, wie genau das Blutmodell das Organalter eines lebenden einzelnen Menschen trifft.

Nun braucht es größere Langzeitstudien. Dafür müssten zunächst gesunde Menschen untersucht und viele Jahre begleitet werden. Erst dann zeigt sich, ob die Werte wirklich frühere Hinweise liefern und wie zuverlässig sie sind.

Was Sie heute für gesundes Altern tun können

Aus der Studie lässt sich kein persönlicher Plan ableiten, um ein einzelnes Organ zu verjüngen. Bewährte Grundlagen bleiben wichtiger als ein noch nicht erhältlicher Bluttest: nicht rauchen, sich regelmäßig bewegen, ausreichend schlafen und abwechslungsreich essen.

Unser Beitrag Gesund essen: Warum es nicht die eine perfekte Ernährung gibt erklärt, warum verschiedene ausgewogene Ernährungsweisen zu ähnlichen guten Mustern führen können. Welche Aufgaben Mineralstoffe dabei grundsätzlich übernehmen, lesen Sie in Die Rolle von Mineralstoffen beim Altern.

Organalter-Bluttest und Mineral-Check sind nicht dasselbe

Der vorgestellte Organalter-Bluttest ist ein Forschungsmodell auf Basis der Genaktivität im Blut. Der Mineral-Check Status untersucht dagegen ausgewählte Mineralstoffe und Spurenelemente in Haaren oder Nägeln. Er bestimmt kein biologisches Organalter und erkennt keine Erkrankung.

Eine solche Analyse kann ergänzende Laborwerte zur persönlichen Orientierung liefern. Sie ersetzt weder eine Blutuntersuchung noch eine ärztliche Abklärung. Bei Beschwerden oder gesundheitlichen Fragen ist eine Arztpraxis die richtige Anlaufstelle.

Ein spannender Blick in die Zukunft

Die neue Studie zeigt, dass Organe offenbar unterschiedlich altern und dabei erkennbare Spuren im Gewebe hinterlassen. Im Blut könnten sich Teile dieser Informationen widerspiegeln. Das eröffnet interessante Möglichkeiten für die Forschung.

Für einen zuverlässigen Test im Alltag ist es aber noch zu früh. Der wichtigste Gedanke lautet deshalb nicht, dass wir unser genaues Organalter bereits kennen können. Spannend ist vielmehr: Altern scheint im Körper aus vielen verschiedenen Uhren zu bestehen.

Quellen

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung oder Diagnose.