Radium im Grundwasser: Was die neue Fracking-Studie zeigt

Radium im Grundwasser: Was die neue Fracking-Studie zeigt

Radium im Grundwasser klingt zunächst nach einem eindeutigen Umweltskandal. Eine am 20. August 2026 veröffentlichte Studie aus Pennsylvania erzählt jedoch eine kompliziertere Geschichte. Die Forschenden fanden in der Nähe von Öl- und Gasstandorten zwar statistische Unterschiede. Keine der 91 untersuchten Wasserproben überschritt aber den US-Grenzwert für Radium-226 und Radium-228 zusammen. Außerdem sprechen die chemischen Spuren überwiegend nicht dafür, dass Fracking-Flüssigkeit direkt in das flache Grundwasser gelangt ist.

Interessant ist vielmehr ein möglicher indirekter Weg: Salz kann natürlich gebundenes Radium aus dem Gestein lösen. Als Salzquellen kommen in der untersuchten Region unter anderem Streusalz, Abwasser aus privaten Klärgruben, Tierhaltung und industrielle Aktivitäten infrage. Die Studie zeigt damit, warum bei einer Wasseranalyse nicht nur die gemessene Menge zählt, sondern auch Geologie und Wasserchemie.

Was ist Radium im Grundwasser?

Radium ist ein natürlich vorkommendes, radioaktives Erdalkalimetall. Es entsteht in Zerfallsreihen von Uran und Thorium und steckt deshalb in sehr kleinen Mengen in vielen Gesteinen und Böden. Regen- und Grundwasser können mit diesen Materialien in Kontakt kommen. Wie viel Radium ins Wasser übergeht, hängt von der Gesteinsart, dem pH-Wert, dem Salzgehalt und weiteren chemischen Bedingungen ab.

„Natürlich“ bedeutet dabei nicht automatisch unbedenklich. Entscheidend sind Aktivität, Dauer und Art der Aufnahme. Die US-Umweltbehörde EPA nennt für Radium-226 und Radium-228 zusammen einen Höchstwert von 5 Picocurie pro Liter, entsprechend 0,185 Becquerel pro Liter. Dieser US-Wert lässt sich nicht einfach auf Deutschland übertragen, denn die deutsche Trinkwasserverordnung arbeitet mit einer Richtdosis und Referenz-Aktivitätskonzentrationen für einzelne Radionuklide.

Was hat das Forschungsteam untersucht?

Das Team der Pennsylvania State University und der Syracuse University untersuchte 91 private Brunnen und Quellen in den Countys Washington und Greene im Südwesten Pennsylvanias. Dort werden seit Langem Erdöl und Erdgas gefördert, darunter auch mit unkonventionellen Verfahren. Die Forschenden bestimmten die gemeinsame Aktivität von Radium-226 und Radium-228 und verglichen die Ergebnisse mit der Entfernung zu Gasbohrungen, früheren Rückhaltebecken und gemeldeten Austritten.

Die gemessenen Aktivitäten lagen zwischen 0,019 und 0,050 Becquerel pro Liter. Damit blieben alle Proben unter dem genannten US-Grenzwert und im Bereich der regional bekannten Hintergrundwerte. Trotzdem waren die Werte in Proben innerhalb von drei Kilometern um gemeldete Austritte und Rückhaltebecken statistisch höher. Auch mit der Dichte unkonventioneller Gasbohrungen im Drei-Kilometer-Radius zeigte sich eine schwache positive Korrelation.

Das ist ein Zusammenhang, aber noch kein Beweis für Ursache und Wirkung. Nähe zu einer Anlage kann mit Straßen, Siedlungen, Abwasser, Landwirtschaft und anderen Faktoren zusammenfallen. Genau deshalb analysierte das Team zusätzliche chemische Marker.

Warum die Studie nicht einfach „Fracking verseucht Brunnen“ sagt

Wasser aus tiefen Gesteinsschichten, das bei der Gasförderung an die Oberfläche gelangt, ist oft stark salzhaltig und kann Radium enthalten. Wäre dieses sogenannte Produktionswasser direkt in die untersuchten Brunnen gelangt, sollte es einen typischen chemischen Fingerabdruck hinterlassen. Die Forschenden verglichen dafür unter anderem die Verhältnisse von Natrium zu Chlorid, Chlorid zu Bromid sowie von Radium-228 zu Radium-226.

Nur sechs Proben passten zu einer Mischung aus Produktionswasser und flachem Grundwasser. Bei der Mehrheit deuteten die Daten auf oberflächennahe Salzquellen hin. In der statistischen Gesamtschau erschien Streusalz als wahrscheinlicher wichtiger Beitrag. Sicher bestimmen ließ sich die Herkunft jeder einzelnen Salzspur jedoch nicht.

Der vorgeschlagene Mechanismus ist plausibel: Gelangen viele gelöste Ionen ins Grundwasser, können sie an den Oberflächen von Mineralen Plätze tauschen. Dabei kann Radium, das zuvor an das Gestein gebunden war, in die Wasserphase wechseln. Das Radium muss also nicht zusammen mit einer fremden Flüssigkeit eingetragen worden sein. Salz kann bereits vorhandenes, geogenes Radium mobilisieren.

Was bedeutet die neue Studie für Deutschland?

Die Ergebnisse stammen aus zwei Regionen Pennsylvanias. Gestein, Brunnenbau, Klima, Straßensalzung und Fördertechnik unterscheiden sich von deutschen Verhältnissen. Die Messwerte lassen sich deshalb nicht auf einen Brunnen in Bayern, Hessen oder Niedersachsen übertragen.

Deutschland berücksichtigt radioaktive Stoffe in der Trinkwasserverordnung. Für die Beurteilung werden unter anderem Radon-222, Tritium und eine Richtdosis herangezogen. Für Radium-226 und Radium-228 nennt die Verordnung Referenz-Aktivitätskonzentrationen von 0,5 beziehungsweise 0,2 Becquerel pro Liter. Diese Werte sind Teil der Dosisbewertung und sollten nicht isoliert als persönlicher Entwarnungs- oder Alarmwert gelesen werden.

Wer an die öffentliche Wasserversorgung angeschlossen ist, kann beim örtlichen Versorger nach dem aktuellen Trinkwasserbericht fragen. Bei einem eigenen Brunnen oder einer Quelle liegt die Situation anders: Zusammensetzung und baulicher Zustand müssen zum konkreten Standort passen. Das Umweltbundesamt empfiehlt Betreibern eigener Anlagen regelmäßige Untersuchungen und eine Abstimmung mit dem Gesundheitsamt beziehungsweise der für radioaktive Stoffe zuständigen Behörde, wenn es Hinweise auf besondere Belastungen gibt.

Wann ist eine gezielte Radiumanalyse sinnvoll?

Geruch, Geschmack und Aussehen verraten nicht, ob Radium im Wasser vorhanden ist. Auch ein gewöhnlicher Test auf Metalle erfasst Radioaktivität nicht automatisch. Wer einen privaten Brunnen nutzt und in einer geologisch auffälligen Region lebt, ungewöhnlich hohe Salzwerte kennt oder im Umfeld dokumentierte industrielle Austritte vermutet, sollte das Vorgehen mit der zuständigen Behörde oder einem akkreditierten Fachlabor klären. Benötigt wird eine ausdrücklich für Radionuklide geeignete Messung mit passenden Nachweisgrenzen.

Unser Beitrag Brunnenwasser und sein Mineralstoffgehalt erklärt ergänzend, warum klares Wasser nicht automatisch mineralstoffreich ist. Sichtbare Klarheit ersetzt keine Laboruntersuchung.

Was der Mineral-Check Wasser misst – und was nicht

Der Mineral-Check Wasser ist eine orientierende Untersuchung auf ausgewählte Halb- und Schwermetalle wie Aluminium, Barium, Arsen, Blei, Chrom, Eisen, Kupfer, Mangan, Nickel und Zink. Radium und andere Radionuklide gehören nicht zum Untersuchungsumfang. Der Test kann daher weder Radioaktivität ausschließen noch die in der Trinkwasserverordnung vorgesehene radiologische Beurteilung ersetzen.

Wer speziell Radium vermutet, braucht ein dafür ausgewiesenes Fachlabor. Das ist keine Kleinigkeit in der Wortwahl: Ein Test ist nur dann hilfreich, wenn Messverfahren und Fragestellung zusammenpassen. Auch auffällige Ergebnisse sollten nicht in Eigenregie mit Filtern, Nahrungsergänzung oder vermeintlichen „Entgiftungen“ behandelt werden. Zuerst gehören Quelle, Probenahme und Messmethode geprüft.

Die Grenzen der Untersuchung

Die Studie ist peer-reviewt und stellt Rohdaten sowie Auswertungscode bereit. Dennoch bleibt sie eine Beobachtungsstudie mit 91 Proben aus zwei Countys. Sie kann Zusammenhänge sichtbar machen, aber keine einzelne Salzquelle zweifelsfrei identifizieren. Die höheren Radiumwerte in der Nähe bestimmter Standorte blieben zudem unter dem US-Grenzwert. Größere, gezielt geplante Untersuchungen müssen nun klären, wie stabil das Muster ist und welche Rolle alte Bohrungen, Streusalz und andere Salzquellen jeweils spielen.

Die Finanzierung sollte ebenfalls transparent bleiben: Beteiligt waren die US-Umweltbehörde, die National Science Foundation und das Health Effects Institute, das gemeinsam von der EPA und Öl- und Gasunternehmen finanziert wird. Die Autoren gaben keine finanziellen Interessenkonflikte an; laut Publikation hatten die Geldgeber keinen Einfluss auf Begutachtung oder Ergebnisdarstellung.

Die praktische Botschaft ist nüchtern: Die neue Arbeit liefert keinen Beleg für flächendeckend gefährliches Brunnenwasser. Sie zeigt aber, dass Versalzung die natürliche Chemie eines Grundwasserleiters verändern und gebundenes Radium mobilisieren kann. Für private Brunnen zählt deshalb eine standortbezogene Untersuchung mit der richtigen Methode.

Quellen

Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt weder eine behördlich anerkannte Trinkwasseruntersuchung noch eine medizinische Beratung.