BMI und Bauchumfang im Alter: Warum ein Wert nicht genügt
BMI und Bauchumfang im Alter erzählen nicht dieselbe Geschichte. Das zeigt eine neue US-Langzeitanalyse, die am 19. August 2026 im Journal of the American Geriatrics Society vorgestellt wurde. Bei 6.905 Menschen ab 65 Jahren war ein höherer Body-Mass-Index nicht automatisch mit einer höheren Sterblichkeit verbunden. Ein größerer Bauchumfang lieferte dagegen zusätzliche Risikoinformationen.
Das Ergebnis klingt zunächst widersprüchlich. Es bedeutet jedoch weder, dass Übergewicht im Alter grundsätzlich schützt, noch dass ein Maßband den Gesundheitszustand vorhersagen kann. Die Studie macht vor allem deutlich, wie begrenzt eine einzelne Zahl sein kann.
BMI und Bauchumfang im Alter: Was wurde untersucht?
Die Forschenden werteten repräsentative Daten von US-Amerikanern aus, die zwischen 2011 und 2024 wiederholt untersucht wurden. Dabei betrachteten sie den BMI und den Bauchumfang im Zeitverlauf und setzten beide Werte mit der Gesamtsterblichkeit in Beziehung.
Der BMI wird aus Körpergewicht und Körpergröße berechnet. Er eignet sich gut, um große Bevölkerungsgruppen grob zu vergleichen. Wo das Gewicht sitzt und woraus es besteht, verrät er allerdings nicht. Zwei Menschen können denselben BMI haben, obwohl der eine mehr Muskelmasse und der andere mehr Fettgewebe besitzt.
In der neuen Analyse war ein höherer BMI bei den älteren Teilnehmenden teilweise mit einer niedrigeren Sterblichkeit verbunden. Ein großer Bauchumfang ging dagegen unabhängig vom BMI mit einem höheren Risiko einher. Bei Männern lag die statistische Risikozunahme bei hohem Bauchumfang bei 24 Prozent; bei Frauen zeigte sich ein ähnliches Muster.
Warum der BMI mit dem Alter schwieriger wird
Mit den Jahren verändert sich die Körperzusammensetzung. Muskelmasse kann abnehmen, während sich Fett stärker im Bauchraum sammelt. Auch die Körpergröße kann sich verändern. Auf der Waage oder beim BMI fallen solche Verschiebungen nicht immer deutlich auf.
Gerade deshalb kann ein „normaler“ BMI täuschen: Er sagt nicht, ob ausreichend Muskelmasse vorhanden ist oder ob sich gleichzeitig viel Fett im Bauchraum angesammelt hat. Umgekehrt kann ein etwas höherer BMI bei einem älteren, kräftigen Menschen etwas anderes bedeuten als bei einer jüngeren Person mit wenig Bewegung.
Eine Übersichtsarbeit mit 71 Beobachtungsstudien kam bereits 2020 zu dem Ergebnis, dass die üblichen BMI-Klassen das Sterblichkeitsrisiko bei Menschen ab 65 nur unvollständig abbilden. Das passt zur neuen Untersuchung, macht aus dem Bauchumfang aber ebenfalls keine alleinige Gesundheitsformel.
Was der Bauchumfang zusätzlich zeigt
Der Bauchumfang ist ein einfaches Maß für die Fettverteilung. Er kann Hinweise auf zentrale Fettansammlung geben, misst aber weder das viszerale Fett um die Organe direkt noch unterscheidet er zuverlässig zwischen Fett, Muskeln und anderen Geweben.
Frühere Metaanalysen stützen trotzdem die Idee, dass der Bauchumfang Informationen liefert, die im BMI fehlen. Eine Auswertung von 29 Kohorten mit mehr als 58.000 Menschen zwischen 65 und 74 Jahren fand höhere Sterblichkeitsrisiken bei großem Bauchumfang über verschiedene BMI-Gruppen hinweg. Eine größere Analyse mit mehr als zwei Millionen Erwachsenen kam ebenfalls zu dem Schluss, dass Maße der zentralen Fettverteilung unabhängig vom allgemeinen Körpergewicht relevant sein können.
Das „Übergewichtsparadox“ ist kein Freifahrtschein
Wenn ältere Menschen mit einem höheren BMI in Beobachtungsstudien länger leben, wird manchmal vom Übergewichtsparadox gesprochen. Solche Daten sind leicht misszuverstehen. Sie beweisen nicht, dass Gewichtszunahme das Leben verlängert.
Ein möglicher Grund ist die umgekehrte Kausalität: Erkrankungen, Gebrechlichkeit oder Muskelabbau können zu Gewichtsverlust führen. Dann erscheint ein niedriger BMI statistisch riskanter, obwohl das geringere Gewicht teilweise eine Folge anderer Gesundheitsprobleme ist. Auch Rauchen, Medikamente, körperliche Fitness, Ernährung und soziale Faktoren können die Ergebnisse beeinflussen. Selbst sorgfältige statistische Anpassungen beseitigen solche Einflüsse nicht vollständig.
Die aktuelle Studie ist daher eine Beobachtungsanalyse. Sie zeigt Zusammenhänge, aber nicht, dass eine gezielte Veränderung des Bauchumfangs oder BMI das Sterberisiko in einem bestimmten Maß verändert.
Wie misst man den Bauchumfang sinnvoll?
Wer den eigenen Verlauf beobachten möchte, sollte möglichst immer nach derselben Methode messen. Fachliche Protokolle unterscheiden sich beim genauen Messpunkt. Häufig wird das Maßband waagerecht zwischen der untersten Rippe und dem oberen Rand des Beckenknochens angelegt. Der Bauch bleibt entspannt, gemessen wird nach normalem Ausatmen, ohne das Band in die Haut zu ziehen.
Ein einzelner Wert ist weniger aussagekräftig als eine sauber gemessene Entwicklung. Auch Grenzwerte hängen unter anderem von Alter, Geschlecht, Herkunft und verwendeter Messmethode ab. Deshalb sollte man aus einer Messung zu Hause keine Diagnose ableiten.
Gesundes Altern ist größer als zwei Zahlen
BMI und Bauchumfang können Orientierung geben. Für das Wohlbefinden im Alter zählen aber ebenso Muskelkraft, Beweglichkeit, Ausdauer, Schlaf, Ernährung und die Fähigkeit, den Alltag selbstständig zu bewältigen. Wer sich nur auf Gewichtsverlust konzentriert, kann im ungünstigen Fall auch wertvolle Muskelmasse verlieren.
Mineralstoffe sind Teil des normalen Energie-, Muskel- und Nervenstoffwechsels, ersetzen jedoch weder Bewegung noch eine ausgewogene Ernährung. Wie sie mit körperlicher und geistiger Belastbarkeit zusammenhängen, erklärt unser Beitrag „Können Mineralstoffe die Leistungsfähigkeit beeinflussen?“.
Die neue Studie spricht dafür, BMI und Bauchumfang im Alter gemeinsam zu betrachten. Der BMI bleibt ein praktischer grober Wert, verliert aber an Aussagekraft, wenn Muskelmasse und Fettverteilung unberücksichtigt bleiben. Der Bauchumfang ergänzt das Bild, ist allein jedoch ebenfalls keine Diagnose.
Interessanter als die Jagd nach einer perfekten Zahl ist der Verlauf: Bleiben Gewicht, Bauchumfang, Kraft und Alltagsfunktion stabil? Bei unbeabsichtigtem Gewichtsverlust, deutlichen Veränderungen oder gesundheitlichen Beschwerden ist eine ärztliche Einordnung sinnvoll.
Quellen
- Time-varying body mass index, waist circumference and all-cause mortality in US adults aged 65 or older, Journal of the American Geriatrics Society (2026)
- Javed et al.: Body mass index and all-cause mortality in older adults – Scoping Review (2020)
- de Hollander et al.: Waist circumference and mortality in 65- to 74-year-olds – Meta-analysis (2012)
- WHO: Waist circumference and waist–hip ratio – Expert consultation
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und ersetzt keine medizinische Beratung oder individuelle Risikobewertung.

