Lysin im Pferdefutter: Was die neue EFSA-Bewertung bedeutet
Im Futterraum stehen Heu, Mineralfutter und vielleicht noch ein Eimer mit Ergänzungsfutter. Auf manchen Etiketten taucht dabei das Wort Lysin auf. Viele Pferdehalter fragen sich dann: Braucht mein Pferd davon mehr – oder ist die normale Ration bereits ausreichend?
Eine neue Bewertung der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit, kurz EFSA, bringt das Thema gerade wieder auf den Tisch. Sie betrifft zwei Formen von Lysin im Pferdefutter und im Futter anderer Tierarten. Die wichtigste Botschaft lautet: Der Stoff kann eine wirksame Quelle für die Aminosäure Lysin sein. Sicher ist der Einsatz aber nur in einer Menge, die zum tatsächlichen Bedarf und zur gesamten Ration passt.
Was ist Lysin überhaupt?
Lysin ist eine Aminosäure. Aminosäuren sind kleine Bausteine, aus denen der Körper Eiweiß bildet. Dieses Eiweiß wird unter anderem für Muskeln, Gewebe und viele normale Abläufe im Körper gebraucht.
Das Pferd kann Lysin nicht selbst in ausreichender Menge herstellen. Es muss die Aminosäure über das Futter aufnehmen. Deshalb wird Lysin als essenziell bezeichnet. Das heißt jedoch nicht, dass jedes Pferd automatisch ein zusätzliches Lysinprodukt braucht.
Gutes Raufutter und passend ausgewähltes Ergänzungs- oder Kraftfutter können bereits viel Lysin liefern. Besonders genau sollte die Eiweißqualität bei wachsenden Pferden, tragenden oder säugenden Stuten sowie bei älteren Pferden betrachtet werden. Auch Arbeit, Körpergewicht und die übrige Fütterung spielen eine Rolle.
Was hat die EFSA neu bewertet?
Die am 23. September 2026 veröffentlichte Stellungnahme untersucht L-Lysin-Monohydrochlorid und flüssiges L-Lysin. Beide Stoffe werden mithilfe bestimmter Bakterienstämme hergestellt. Diese Bakterien dienen nur der Produktion. In den geprüften Endprodukten wurden laut EFSA weder lebende Zellen noch DNA der Produktionsstämme nachgewiesen.
Die Fachleute kamen zu dem Schluss, dass die bewerteten Zusätze für die jeweiligen Tierarten sicher sein können, wenn sie in einer angemessenen Menge entsprechend dem Bedarf eingesetzt werden. Pferde gehören zu den Nichtwiederkäuern. Für diese Tiergruppe bewertet die EFSA die Zusätze auch als wirksame Lysinquelle.
Wichtig ist die genaue Formulierung: Geprüft wurden bestimmte Produkte und Herstellungsverfahren. Die Stellungnahme ist kein Freibrief für jede beliebige Dosis und keine Empfehlung, allen Pferden zusätzlich Lysin zu geben.
Warum die gesamte Ration wichtiger ist als ein einzelner Stoff
Ein Futter kann auf der Verpackung einen hohen Eiweißgehalt zeigen und trotzdem nicht ideal zum Pferd passen. Entscheidend ist nicht nur, wie viel Rohprotein enthalten ist. Auch die Zusammensetzung der Aminosäuren und ihre Verfügbarkeit zählen.
Eine Untersuchung der Universität Minnesota verglich verschiedene Weidefutter. Luzerne und Gräser der kühleren Jahreszeit enthielten mehr Aminosäuren als Teffgras. Trotzdem konnten die meisten erwachsenen Pferde in diesem Versuch ihren Lysinbedarf auch mit Teffgras decken, wenn sie genug davon fraßen. Ausnahmen waren vor allem wachsende Pferde und tragende Stuten.
Das zeigt gut, warum pauschale Aussagen wenig helfen. Das Alter, die Lebensphase, die Futtermenge und die Qualität des Raufutters verändern das Bild. Ein einzelner Wert auf einem Futtersack erzählt nie die ganze Geschichte.
Lysin über das Trinkwasser? Hier bleibt die EFSA vorsichtig
Die EFSA äußert Bedenken, Aminosäuren über das Trinkwasser zu geben. Ein Grund ist, dass die Aufnahme schwerer einzuschätzen ist. Trinkt das Pferd mehr oder weniger als erwartet, verändert sich auch die aufgenommene Menge. Außerdem kann eine gleichzeitige Gabe über Futter und Wasser das Gleichgewicht der Ration stören.
Für den Alltag bedeutet das: Ergänzungen gehören nicht nach Gefühl in den Tränkeeimer. Wer eine gezielte Ergänzung erwägt, sollte die komplette Ration von einer Tierärztin, einem Tierarzt oder einer qualifizierten Fütterungsberatung prüfen lassen.
Fünf praktische Schritte für Pferdehalter
- Raufutter als Grundlage ansehen: Notieren Sie Art, Menge und Qualität von Heu oder Weidefutter.
- Alle Produkte zusammentragen: Dazu gehören Kraftfutter, Mineralfutter, Mash und einzelne Ergänzungen.
- Etiketten vergleichen: Achten Sie nicht nur auf Rohprotein, sondern auch auf Angaben zu Lysin und die empfohlene Tagesmenge.
- Lebensphase berücksichtigen: Ein ausgewachsenes Freizeitpferd hat andere Bedürfnisse als ein Fohlen, eine säugende Stute oder ein altes Pferd.
- Nicht doppelt ergänzen: Mehrere Produkte können denselben Nährstoff enthalten. Deshalb zählt immer die Gesamtration.
Mehr zu diesem Grundsatz finden Sie in unserem Beitrag über Nahrungsergänzung für Pferde. Dort geht es auch darum, warum eine Überversorgung durch mehrere Produkte möglich ist.
Wo ein Mineral-Check helfen kann – und wo nicht
Der Mineral-Check Pferd misst ausgewählte Mineralstoffe, Spurenelemente und Metalle im Mähnenhaar. Lysin gehört nicht dazu. Der Test kann daher keinen Lysinmangel feststellen und keine passende Lysinmenge berechnen.
Er kann als ergänzende Information dienen, wenn Sie die Mineralstoffeinlagerung über einen längeren Zeitraum betrachten möchten. Für eine Futterberechnung bleiben eine Raufutteranalyse, genaue Mengenangaben und eine fachliche Beurteilung der gesamten Ration entscheidend. Bei Beschwerden oder auffälligen Veränderungen sollte das Pferd tierärztlich untersucht werden.
Was Sie aus der neuen Bewertung mitnehmen können
Lysin ist ein wichtiger Eiweißbaustein. Die neue EFSA-Stellungnahme zeigt, dass die konkret geprüften Lysin-Zusätze bei bedarfsgerechter Verwendung für Nichtwiederkäuer eine wirksame Quelle sein können. Sie zeigt aber nicht, dass jedes Pferd eine Ergänzung braucht.
Der beste nächste Schritt ist deshalb meist nicht ein weiterer Eimer im Futterraum. Verschaffen Sie sich zuerst einen Überblick über Raufutter, Fertigfutter und alle Ergänzungen. Erst danach lässt sich sinnvoll entscheiden, ob überhaupt eine Lücke besteht.
Quellen
- EFSA FEEDAP Panel: Safety and efficacy of feed additives consisting of L-lysine monohydrochloride and liquid L-lysine, veröffentlicht am 23. September 2026.
- Merck Veterinary Manual: Nutritional Requirements of Horses and Other Equids, fachlich geprüft und aktualisiert im Februar 2026.
- University of Minnesota Extension: Evaluating amino acid levels in forages and horses.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information. Er ersetzt keine tierärztliche Untersuchung oder individuelle Futterberatung.

